WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (5)
Allgemein

Storecheck: The Good Store in Berlin

 

Der Himmel ist grau und das Licht ist trüb, während ich an kleinen Trödelläden vorbei die Pannierstraße in Berlin-Neukölln entlang laufe. Mein Ziel ist THE GOOD STORE in der Pannierstraße 31. Selbst wenn ich nicht vorgehabt hätte, heute Gerda zu einem Interview in ihrem kleinen Secondhand Laden zu treffen, hätte das große Schaufenster, aus dem warmes Licht auf die Straße dringt, mich angelockt. Beim Öffnen der Ladentüre kommt mir ein angenehmer Geruch entgegen, ich vermute eine Duftkerze dahinter.

 

WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (2)

Es ist aber einfach der Geruch des Ladens und der Kleider, die dort hängen. Kein muffiger, trockener Geruch, der sonst manchmal in Vintage Läden in der Luft liegt, sondern ein weicher und blumiger Duft. Der gesamte Laden ist anders als die meisten Secondhand Läden. Die Wände sind weiß, ebenso wie der Holzboden. An einer hölzernen Kommode lehnt Gerda, die Gründerin des guten Stores. Seit Juni lockt THE GOOD STORE mit wunderschönen Secondhand-Angeboten, allesamt ausgewählt von Gerda, die eigentlich Nordamerika Studien, Politik und Geschichte studiert hat. Auf verschiedenfarbigen Holzpodesten stehen Schuhe und Blumen. Links und rechts erstrecken sich über die gesamte Länge zwei Kleiderstangen – eine mit Damenkleidung, eine mit Herrensachen.

WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (3)

War es eine bewusste Entscheidung, 50% Frauen und 50% Männerkleidung anzubieten?

Ja, das auf alle Fälle. Männer kaufen genauso ein wie Frauen, ziehen sich genauso an. Ich habe auch viel für Labels oder in Geschäften gearbeitet, bei denen Männer die besten Kunden waren. Von daher war mir das wichtig. Ich denke, man muss Männern bloß die Einkaufsmöglichkeit bieten, die sie brauchen.  Wenn Männer immer bloß eine kleine Trostecke mit drei Hosen bekommen, ist es klar, dass sie da nicht motiviert sind.

Wird das auch gut angenommen? Sind die Kunden 50% Frauen und 50% Männer?

Die sind ja auch im regulären Einzelhandel nie 50/50.  Es sind immer mehr Frauen, aber das Angebot wird auf alle Fälle gut angenommen. Oft ist es ja auch so, dass man zusammen einkaufen geht, die Männer kommen hier dann aus Gewohnheit mit rein und stellen sich erst mal einfach hin. Irgendwann gucken sie vorsichtig rüber und entdecken Sachen für sich. Ich finde, es ist viel angenehmer für beide, wenn jeder für sich gucken kann. Deswegen war das eine ganz bewusste Entscheidung von mir.

Werden auch 50 / 50 Kleidungsstücke zu dir gebracht? Ich kann mir vorstellen, dass es mehr Frauen sind.

Schon, auf alle Fälle. Ich glaube, Frauen gehen mehr einkaufen und sortieren auch schneller mal aus. Dafür sind Männer dann auch mal rigoroser beim Aussortieren. Wenn die mal was bringen, dann bringen sie richtig viel. Bei Frauen sind es manchmal nur ein, zwei Sachen.

Dann hast du wahrscheinlich auch eine Lagerfläche.

Ich habe ungefähr die dreifache Menge, von dem was hier draußen hängt, im Lager.

Und einmal in der Woche wechselst du dann die Ware aus.

Mindestens einmal. Jetzt hat sich das Wetter ja einigermaßen eingependelt. Aber gerade in der Zeit zwischen Sommer und Herbst, wenn es den einen Tag regnet und am anderen warm ist, finde ich es ganz angenehm, dass ich flexibel auf das Wetter reagieren kann.

WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (7)

Waren auch der Laden und der Standort eine ganz bewusste Entscheidung?

Wo der Laden ist, ist Zufall. Ich habe ganz lange in Berlin-Mitte gearbeitet.  Für mich war es aber einfach keine Option, eine horrende Miete zu zahlen. Den Laden habe ich durch Zufall gefunden. Ich wusste aber, was ich wollte:  ein großes Schaufenster, dass die Kunden sehen können, was im Laden passiert. Und ich fand die Größe gut, es ist nicht zu groß. So hat sich das einfach ergeben.

Stand dein Konzept schon, als du den Laden entdeckt hast?

So halb und halb. Ich hatte mir das schnell überlegt, zwar nicht überstürzt, aber die Entscheidung kam schnell. Ich hatte mich entschieden und am nächsten Tag den Laden gefunden.  Obwohl der Plan eigentlich für in zwei Monaten angelegt war. Ich wusste aber im Vornherein, wie und was ich machen will.

Und dann hat sich wahrscheinlich eines nach dem anderen ergeben.

Genau. Ich habe lange im Einzelhandel gearbeitet und wusste, wie ich den Laden aufbauen will. Ich wusste, dass ich es so reduziert wie möglich halten will, dass nicht großartig was an den Wänden passieren sollte. Deswegen hat sich das dann auch total schnell gefügt. Zum Glück hatte ich auch tolle Hilfe. Alleine hätte ich das nicht geschafft.

WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (4)

Die Atmosphäre hier ist auch eine ganz andere als in anderen Secondhand Läden, es wirkt viel hochwertiger. Passend auch zu den Labels, die ihr hier habt.

Es ging mir gar nicht darum, das, was es ist, einfach aufzubauschen. Ich hatte immer vermisst, dass es Secondhand in einem angemessenen Rahmen gibt. Ich selber kaufe seit Jahren nur Secondhand und habe einfach gemerkt, dass es viel mehr Spaß macht. Und da muss ja nicht immer alles vollgestopft sein. Natürlich entscheide ich mich bewusst für bestimmte Sachen, dass ich die eine Jacke raushänge und die andere ins Lager kommt. Aber das ist ein Konzept, das aufgeht, finde ich.

Ist der Laden gleich gut angelaufen? Die Plakate mit der Aufschrift „Good things will happen soon“ am Schaufenster haben ja alle neugierig gemacht.

Das war auch wieder Zufall. Ich wollte eigentlich nur das Schaufenster abdecken. Als ich schon wusste, wie der Laden heißen soll, ist mir dieser Spruch eingefallen. Und auf den gab es dann auch echt tolle Resonanz. Ich glaube, das hat die Leute auf eine positive Art neugierig gemacht. Ich dachte mir auch, wenn ich hinschreibe, dass hier bald ein Secondhand Laden rein kommt, dass dann alle mit den Augen rollen: „Noch einer!“. Deswegen habe ich das auch bis zum Schluss nicht gesagt, auch wenn mich die Leute oft gefragt haben. Und der Laden wurde dann von Anfang an gut angenommen. Auch von den Nachbarn, das finde ich wichtig.

WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (6)

Sind deine Kunden dann eher Laufkundschaft oder kommen sie gezielt hierher in den Laden?

Ich glaube, es ist beides. Gerade im Sommer, wenn man am Abend auch mal länger auf hat, kam immer mal noch jemand hier an. Viele entscheiden sich aber auch bewusst und machen sich auf den Weg. Sie sind neugierig und wollen sich das auch mal ansehen und wissen, was man hier noch so machen kann in der Gegend. Das finde ich an Berlin so toll – dass sich hier immer so viel tut. Gerade in dieser Ecke ist in den letzten zwei Jahren viel passiert.

Bist du selbst auch jeden Tag im Laden?

Ja, auch immer Dienstag bis Samstag von 13 bis 19 Uhr. Das war mir von Anfang an aber auch klar. Ich wollte nicht einen Laden planen und dann selbst nicht drinnen stehen. Dafür macht es mir einfach zu viel Spaß. So ein Secondhand Laden hat ja auch eine andere Handschrift. Wenn man regulär einen Laden hat, macht man vielleicht einmal in der Saison die Order – ich mache sie jeden Tag. Weil der Verkauf ja auf Kommission passiert und ich auch die Auswahl treffe.

Wie sind denn genau die Konditionen? Ihr orientiert euch da auch am Originalpreis habe ich mitbekommen.

Genau, ich versuche mich daran zu orientieren. Ich will nichts unter dem Wert verkaufen. Dann sind natürlich auch der Zustand und die Materialzusammensetzung wichtig. Eine Acne Polyesterbluse kostet was anderes als eine Acne Seidenbluse. Daraus setzt sich dann der Preis zusammen. Ich spreche auch immer direkt den Preis ab. Ich finde es wichtig, dass man die Sachen mit einem guten Gefühl abgibt. Spannend ist, dass es zwei Arten von Kundinnen gibt. Die einen sagen: „Ach, verkauf es einfach!“ und sind froh, es los zu haben. Und die, die dann nochmal den einen Euro nach oben handeln wollen.

WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (8)

Und das wird dann 50 / 50 aufgeteilt?

Genau. Meistens bekommt man auch im Gespräch mit, wie stark die Kunden an den Sachen hängen. Das ist mal mehr, mal weniger. Manchmal sage ich dann auch, sie sollen die Sachen lieber nochmal mit nach Hause nehmen und vielleicht doch noch anzuziehen oder zumindest aufzuheben, wenn viele Erinnerungen daran hängen.

Hast du eine Liste, welche Marken du aufnimmst und welche nicht?

Ich sage immer: „Hauptsache schön!“. Was es für die Kunden vielleicht nicht immer einfacher macht, aber mir ist das Label einfach nicht wichtig. Das entspricht auch der Berliner Wirklichkeit, weil man ja alles querbeet anzieht. Und für mich ist ein Teil nicht erst dann schön, wenn da Acne oder Céline auf dem Etikett steht. Eine Vintage Bluse ganz ohne Label ist auch schön. Das ist also ganz egal.

WEMAKETHECAKE THE GOOD STORE (5)

Text & Interview: Miriam Zenner | Fotos: The Good Store

Previous Post Next Post

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply